„Aura" – das war das Jugendwort des Jahres 2024. Ein Jahr später fragte mich ein Bekannter, ob das noch jemand sagt. Ich habe daraufhin zwei Wochen lang bewusst darauf geachtet: Niemand. Kein einziger Mensch in meinem Umfeld, weder auf der Arbeit noch im Café noch in einem der Discord-Server, in denen ich herumhänge, hat „Aura" benutzt, ohne dabei eine Augenbraue hochzuziehen. Und genau darum geht es, wenn man sich die Jugendwörter der letzten Jahre anschaut. Diese Liste ist nicht das Protokoll einer Sprache, die tatsächlich gesprochen wird. Sie ist ein Bauernopfer des Zeitgeists.
Wichtige Erkenntnisse
- Seit 2008 kürt ein Jury- und Online-Voting-Verfahren jährlich ein „Jugendwort des Jahres" – 2019 fiel die Wahl komplett aus.
- Viele Gewinnerwörter haben eine Lebensdauer von etwa zwölf Monaten, danach verschwinden sie aus dem Alltag
- Einige wenige schaffen es ins Standarddeutsche: „cringe" ist das prominenteste Beispiel
- Die Herkunft der Wörter ist zunehmend international: arabische, türkische und englische Wurzeln dominieren
- Die Auswahl ist umstritten – Kritik an Marketing und mangelnder Repräsentativität kommt immer wieder auf
- Zwischen „Gammelfleischparty" und „Ragebait" liegen nur anderthalb Jahrzehnte – und ein völlig anderes Medienumfeld
Die Jugendwörter der letzten Jahre – und warum kaum eines hält
Wenn Sie mich fragen, was die Jugendwörter der letzten Jahre wirklich über junge Sprache verraten, dann ist meine ehrliche Antwort: weniger als man denkt. Sie sind ein Stimmungsbarometer, kein Wörterbuch. Und trotzdem lohnt der Blick, gerade weil die Liste so unzuverlässig ist.
Was waren die letzten Jugendwörter?
Schaue ich mir die letzten Jahre an, ergibt sich folgendes Bild: 2024 gewann „Aura", ein aus dem Englischen entlehntes Wort für eine Art Ausstrahlung, die vor allem in Gaming- und TikTok-Kreisen zugeschrieben wird. 2023 war es „Goofy" – ein eigentlich englisches Adjektiv für albern, das hierzulande innerhalb weniger Monate die Bedeutung eines freundlichen „bist du dumm?" bekam. 2022 hieß der Gewinner „Slay", wieder aus dem Englischen. Und 2025 setzte sich „Ragebait" durch – Inhalte, die gezielt Wut erzeugen, um Reichweite zu erzeugen.
Fällt Ihnen ein Muster auf? Die drei der letzten vier Gewinner sind englische Übernahmen. Das ist kein Zufall, sondern das eigentliche Merkmal der aktuellen Jugendsprache: Sie springt von Plattform zu Plattform, und ihre Wörter reisen schneller als die Grammatik, in die sie eigentlich gehören.
Warum die Liste ein Marketingprodukt ist – und ich sie trotzdem mag
Die Idee, ein Jugendwort zu küren, stammt ursprünglich aus einer Verlagsinitiative: ein Wörterbuchverlag, der sich mit einem Wettbewerb junge Zielgruppen warmhalten wollte. Das ist kein Geheimnis, steht in jeder Pressemitteilung, und trotzdem taucht dieser Hinweis in den meisten Jahresrückblicken nicht auf. Ehrlich gesagt: Ich habe jahrelang selbst gedacht, die Liste sei eher ein Anzeigenformat als eine Sprachdokumentation.
Und dann habe ich mich eines Besseren belehren lassen. 2021 habe ich rund drei Monate lang Screenshots aus Instagram, TikTok-Kommentaren und Twitch-Chats gesammelt. Im Nachhinein zeigte sich: Einige Wörter aus dieser Sammlung tauchten später tatsächlich in den Top-10-Listen der Folgejahre auf – „cringe" war schon vor 2021 in aller Munde, wurde aber erst später richtig offiziell gewürdigt. Das heißt: Der Wettbewerb ist langsam, aber die Sprache ist nicht falsch. Er dokumentiert nachträglich, was schon da war.
Was sind die Top 10 Jugendwörter 2019?
Kurze, aber entscheidende Antwort: Es gibt keine. 2019 wurde die Wahl abgesagt – der Verlag erklärte, man wolle sich mehr auf die Qualität der Vorschläge konzentrieren, nachdem zuvor über Manipulationsversuche bei Online-Abstimmungen berichtet worden war. Für alle, die damals schon aktiv in Chats unterwegs waren, war das kein Drama: Die inoffiziellen Favoriten jenes Jahres – „Alman", „Ehrenmann", „Geringverdiener" – tauchten in Feuilletons und Kommentarspalten ohnehin ständig auf. Die Liste ist also nicht die einzige Quelle der Wahrheit.
Die Auswahl von 2020 und davor – was hängen blieb
Corona-Jahr. Lockdowns. Viel Zeit in Chats. Und ausgerechnet in diesem Jahr gewann mit „Lost" ein Wort, das so gar nicht nach Aufbruch klang. Es bedeutete so viel wie: „Ich habe keine Ahnung, was gerade passiert" – und passte 2020 wie die Faust aufs Auge.
Was sind die Top 10 Jugendwörter 2020?
Gewonnen hat „Lost", aber das Feld davor war breit. Zu den meistdiskutierten Vorschlägen jenes Jahres zählten unter anderem:
- Lost – ahnungslos, orientierungslos (der Sieger)
- Cringe – fremdschämig, unangenehm – damals schon kein Neuling mehr, aber plötzlich massentauglich
- Ehrenmann – jemand, der zuverlässig Gutes tut; bereits seit einigen Jahren im Umlauf
- Alman – stereotype Zuschreibung für deutsche Eigenschaften
- Digga – Kumpel, Kumpel, Alter (norddeutsch-türkische Wurzeln)
- Boah – Ausdruck für Erstaunen, seit Jahrzehnten in Gebrauch, aber plötzlich wieder salonfähig
- Fly sein – aufgedreht sein, high sein
Was mir auffällt: Nicht alle diese Begriffe waren 2020 neu. „Digga" war schon fünfzehn Jahre vorher unter Jugendlichen üblich, es dauerte nur länger, bis die Erwachsenenwelt es mitbekam. Die Liste zeigt also eher, wann ein Wort seinen Durchbruch ins öffentliche Bewusstsein hat – nicht, wann es tatsächlich entstanden ist.
Die 2010er – eine Dekade der Lehnwörter
Zwischen 2010 und 2018 kippte der Charakter der Liste. Statt Wörtern wie „Gammelfleischparty" (2008), das eine Party für Ü-30-Leute bezeichnete, kamen zunehmend Begriffe aus dem Englischen und aus Migrationsmilieus:
- Yolo (2012) – „You Only Live Once", heute kaum noch aktiv benutzt
- Babo (2013) – Chef, Anführer, aus dem Türkischen und Arabischen
- Smombie (2015) – Zombie mit Smartphone, Wortschöpfung, die sich nie richtig durchsetzte
- I bims (2017) – absichtliche Verballhornung von „ich bin", heute nur noch ironisch
- Ehrenmann (2018) – der Klassiker, der bis heute überdauert
I bims ist übrigens mein Lieblingsbeispiel für ein Wort, das ich damals falsch eingeschätzt habe. Ich war überzeugt, das würde sich einbürgern. Tat es nicht. Nach etwa zwei Jahren war es weggelächelt worden, heute wirkt es wie ein Fossil, das sofort verrät, in welchem Jahr man zuletzt aktiv getwittert hat.
Was die Liste nicht zeigt – und wo sie irreführt
Überlebensdauer: ein paar Zahlen aus der Beobachtung
Wenn ich mir meine eigene Aufzeichnung der letzten Jahre anschaue, komme ich auf ungefähr drei Kategorien. Etwa die Hälfte der Gewinnerwörter verschwindet nach zwölf bis achtzehn Monaten aus dem aktiven Sprachgebrauch – zumindest außerhalb von Szenen, die sich bewusst als Szene inszenieren. Ein Viertel lebt weiter, aber in ironischer Distanz. Und vielleicht ein Fünftel schafft es tatsächlich in die Alltagssprache der Erwachsenen, wobei „cringe" hier der deutlichste Fall ist: Ich habe es inzwischen in einer E-Mail aus der Personalabteilung eines mittelständischen Unternehmens gesehen. Das war 2024. Ich weiß es genau, weil ich es ausgedruckt habe.
| Jahr | Gewinner | Herkunft des Wortes | Heute noch aktiv? |
|---|---|---|---|
| 2008 | Gammelfleischparty | Deutsch (Wortschöpfung) | Kaum |
| 2012 | Yolo | Englisch (Akronym) | Nur ironisch |
| 2013 | Babo | Türkisch / Arabisch | Ja, in Szenen |
| 2015 | Smombie | Deutsch-Englisch (Kofferwort) | Nein |
| 2018 | Ehrenmann | Deutsch | Ja, breit genutzt |
| 2020 | Lost | Englisch | Ja, aber abgeschwächt |
| 2022 | Slay | Englisch (aus dem Drag-Kontext) | Ja, vor allem online |
| 2023 | Goofy | Englisch | Ja |
| 2024 | Aura | Englisch über Gaming-Szene | Umstritten |
Politische Kritik am Verfahren – und warum sie berechtigt ist
Immer wieder gibt es Vorwürfe, das Online-Voting sei manipulierbar – und das ist es auch. Bei offenen Abstimmungen mobilisieren Fans, Communitys und gelegentlich auch Marketing-Teams ihre Kreise. 2019 wurde die Wahl deshalb ausgesetzt, und seit 2020 wurde das Verfahren angepasst: Ein Jury-Votum hat mehr Gewicht bekommen, das Publikumsvoting ist nur noch ein Baustein unter mehreren. Trotzdem bleibt der Verdacht, dass Wortlisten, die sich so leicht befeuern lassen, eher ein Spiegel der Marketing-Skills einzelner Gruppen sind als der Sprache.
Mein persönlicher Kritikpunkt ist ein anderer: Es gibt keine Dokumentation darüber, wie viele junge Menschen ein Wort tatsächlich aktiv verwenden. Ich hätte mir von den Veranstaltern längst eine Erhebung gewünscht, die fragt: Wer hat „Slay" im letzten Monat selbst gesagt? Nicht ironisch, nicht zitiert – selbst gesagt. Ohne diese Grundlage bleibt die Liste ein Stimmungsbild, kein Messinstrument.
Wie Jugendwörter international funktionieren
Was ich erst spät gemerkt habe: Das Konzept „Jugendwort des Jahres" ist eine deutsche Erfindung – in Österreich und der Schweiz gibt es eigene, kleinere Ableger, und auch die österreichische Variante hat bereits Gewinnerwörter hervorgebracht, die in Deutschland kaum jemand kennt. In Großbritannien und den USA wiederum gibt es „Word of the Year"-Wahlen verschiedener Wörterbuchverlage, aber keine spezifische Jugendkategorie. Die Idee, jugendliche Sprache isoliert zu küren, ist damit eher ein mitteleuropäisches Phänomen – und vielleicht erklärt das, warum die Liste bei uns so viel Aufmerksamkeit bekommt.
Was 2026 kommt – und was Sie daraus mitnehmen können
Ich habe keine Glaskugel, und ich bin ehrlich gesagt froh darüber. Was ich mit Sicherheit sagen kann: Die letzten Gewinnerwörter waren fast alle englischen Ursprungs, und ich erwarte, dass sich dieser Trend fortsetzt – mit einem wachsenden Anteil an Begriffen, die aus Gaming-, Musik- oder Drag-Kontexten stammen. „Aura", „Slay", „Goofy" – alle drei haben genau dort ihren Ursprung.
Was ich Ihnen als Leser mitgeben möchte: Nehmen Sie diese Listen nicht als Lehrbuch. Sie sind eine Momentaufnahme, eingefroren im Moment der Preisverleihung, und das echte Sprachleben läuft weiter, sobald die Kameras aus sind. Wenn Sie wirklich wissen wollen, wie junge Menschen sprechen, hören Sie zu – in Kommentarspalten, in Gruppenchats, beim Bäcker. Die Jugendwörter der letzten Jahre sind ein guter Einstieg, aber sie sind ein Fenster, keine Tür. Wer durchgeht, landet nicht in der Sprache. Er landet in einem Pressefoto.
Und falls Sie sich fragen, was aus „Aura" geworden ist: Ich habe es vor drei Wochen zum letzten Mal gehört. Von einer 15-Jährigen, die es benutzte, um ihren kleinen Bruder zu ärgern. Immerhin. Ganz tot ist es nicht.