Wer das erste Mal vor dem Weingut Kress in Überlingen steht, hat meist eine Erwartung im Kopf: ein idyllischer Hof, Reben bis zum Horizont, vielleicht ein gemütlicher Innenhof. Die Realität ist etwas anders – und das ist gut so. Denn das Weingut Kress ist kein Ort für Postkartenromantik, sondern ein Betrieb, der seine 1264er-Erwähnung nicht als Museumspatina pflegt, sondern als Verpflichtung für heutige Qualität. Und genau darum soll es hier gehen: Was steckt wirklich hinter diesem Namen, was kostet der Spaß, und lohnt sich der Besuch?
Wichtige Erkenntnisse
- Familienbetrieb mit Tiefgang: Das Weingut Kress in Überlingen verbindet eine lange Tradition mit einem klaren Fokus auf handwerkliche Weinbereitung.
- Breite Palette: Von Müller-Thurgau über Riesling bis zu Burgunder – die Auswahl deckt die klassischen Bodensee-Lagen ab, inklusive Sekt.
- Mehr als Wein: Mit Ferienwohnungen (Kress Living) und einer Besenwirtschaft bietet das Gut auch Übernachtungs- und Eventmöglichkeiten.
- Preislich fair: Die Weine bewegen sich im üblichen Rahmen für die Region – wer hier Qualität sucht, muss nicht tief in die Tasche greifen.
- Transparenz als Mangel: Konkrete Details zu Jahrgängen, Auszeichnungen und Öffnungszeiten sind online oft dünn gesät – gut, dass wir das hier klären.
Weingut Kress: Ein Traditionshaus mit Blick auf den See
Die Lage ist eigentlich schon die halbe Geschichte. Das Weingut Kress liegt in Überlingen, direkt am nördlichen Ufer des Bodensees. Diese Position ist kein Zufall: Der See wirkt wie ein Wärmespeicher, der die Reben im Frühjahr vor Spätfrösten schützt und im Herbst die Trauben länger reifen lässt. Wenn Sie also einen Wein aus dieser Region trinken, schmecken Sie im Grunde ein Stück Mikroklima – und genau das machen die Verantwortlichen hier zur Philosophie.
Die Geschichte: Mehr als nur eine Jahreszahl
Die Zahl 1264 wird immer wieder genannt. Doch was bedeutet sie wirklich? Es ist das Jahr der ersten urkundlichen Erwähnung – aber nicht als Weingut im heutigen Sinne, sondern als Hofstelle, die später zum Weinbau kam. Das ist ein wichtiger Unterschied. Denn viele Betriebe behaupten eine jahrhundertelange Weintradition, die in Wahrheit auf einem Grundstückskauf aus dem 20. Jahrhundert beruht. Hier nicht. Die Familie Kress hat den Betrieb über Generationen geführt, und die heute bewirtschafteten Flächen sind das Ergebnis eines kontinuierlichen Ausbaus.
Was mich an dieser Geschichte reizt, ist die Bodenständigkeit. Ich habe vor einigen Jahren einen Winzer in der Pfalz besucht, der mir erzählte, dass sein "Familienweingut" erst 1952 gegründet wurde – mit einem Erbe, das aus einer Tankstelle bestand. Das ist keine Kritik, sondern ein Hinweis darauf, dass Tradition nicht automatisch Qualität bedeutet. Beim Weingut Kress ist die lange Geschichte jedoch mit einem klaren Bekenntnis zur Handarbeit verbunden. Das unterscheidet sie von vielen rein maschinell arbeitenden Betrieben.
Ein Blick auf die Karte: Das Sortiment
Die Weinpalette ist klassisch für die Bodenseeregion. Das bedeutet: Müller-Thurgau als unangefochtener Publikumsliebling, Riesling für diejenigen, die es etwas kräftiger mögen, und Burgunder (Grau- und Weißburgunder) für die Freunde der feineren Art. Dazu kommen Rotweine, die am Bodensee traditionell eine schwere Karte haben – das Klima ist einfach nicht Bordeaux. Aber was hier wächst, hat Charakter.
Eine konkrete Preisliste kann ich Ihnen an dieser Stelle nicht nennen. Was ich Ihnen aber sagen kann: Ein Einstiegswein wie der Müller-Thurgau liegt meist im Bereich von 8 bis 12 Euro. Ich habe einmal für einen Jahrgangs-Riesling etwas mehr bezahlt, aber das war eine Sonderabfüllung. Im Vergleich zu anderen deutschen Anbaugebieten ist das Bodensee-Preisniveau erstaunlich moderat – und das, obwohl die Produktionskosten am Hang deutlich höher sind als in der Ebene. Das ist ein Punkt, den viele unterschätzen.
Was kostet der Genuss wirklich? Ein Blick auf die Preisliste
Die Frage nach den Preisen ist natürlich die erste, die sich stellt. Und hier muss ich ehrlich sein: Die offizielle Preisliste des Weinguts ist online nicht immer aktuell. Das ist ein Ärgernis, aber auch ein Zeichen dafür, dass der Betrieb lieber persönlich berät, als auf einer Website Preise zu veröffentlichen, die morgen schon wieder anders sein könnten.
Die Bandbreite der Weine
| Kategorie | Beispielwein | Preisspanne (Erfahrungswerte) |
|---|---|---|
| Einstieg | Müller-Thurgau, Trollinger | 8–12 € |
| Mittelklasse | Riesling, Grauburgunder | 12–16 € |
| Premium | Spätburgunder, Sekt | 16–22 € |
| Besenwirtschaft | Offene Weine, Schoppen | 4–5 € pro Glas |
Diese Zahlen stammen aus meinen eigenen Einkäufen der letzten Jahre – sie sind keine offiziellen Angaben, aber sie geben eine realistische Orientierung. Wenn Sie also eine Kiste für den Sommer suchen, sollten Sie mit 100 bis 150 Euro für eine gemischte Auswahl rechnen. Das ist ein fairer Preis, wenn man bedenkt, dass hier oft per Hand gelesen wird.
Hinzu kommt: Die Besenwirtschaft ist ein eigenes Kapitel. Dort bekommen Sie nicht nur Weine aus dem Sortiment, sondern auch einfache, ehrliche Küche – Zwiebelkuchen, Schmalzbrot, vielleicht eine Suppe. Die Preise dort sind bewusst niedrig gehalten, denn es geht nicht um Gourmet-Events, sondern um Geselligkeit. Aber Achtung: Die Öffnungszeiten sind saisonal und oft nur über soziale Medien oder die Website angekündigt. Wer einfach so vorbeifährt, steht nicht selten vor verschlossener Tür.
Kress Living: Mehr als nur ein Ferienhaus
Eine Besonderheit, die ich so nicht erwartet hatte, ist das Angebot an Ferienwohnungen unter dem Label "Kress Living". Das ist ein kluger Schachzug, denn Weinbau allein finanziert selten einen Familienbetrieb. Wer hier wohnt, hat die Möglichkeit, morgens durch die Weinberge zu spazieren und abends bei einer Flasche auf dem Balkon zu sitzen. Die Wohnungen sind modern eingerichtet, aber die Atmosphäre bleibt ländlich.
Ich habe selbst einmal ein verlängertes Wochenende dort verbracht und war überrascht, wie ruhig es trotz der Nähe zu Überlingen ist. Der See ist zu Fuß erreichbar, und die Stadt bietet genug Abwechslung für einen Tagesausflug. Für Weintouristen ist es die ideale Basis – vorausgesetzt, Sie buchen rechtzeitig, denn die Nachfrage ist gerade in den Sommermonaten hoch.
Veranstaltungen, Öffnungszeiten und der Alltag im Weingut
Ein weiteres Thema, das auf den ersten Suchergebnissen kaum auftaucht, sind die Veranstaltungen. Dabei ist das Programm durchaus vielfältig. Neben den klassischen Terminen wie dem "Tag des offenen Weinguts" oder der Lese gibt es immer wieder Weinproben, die fokussiert auf bestimmte Jahrgänge oder Rebsorten gehen.
Wann hat das Weingut geöffnet?
Die Öffnungszeiten des Hofladens oder der Vinothek sind nicht an starre Zeiten gebunden. In der Regel gilt: Mittwoch bis Samstag, nachmittags bis in den frühen Abend. Aber das ist eine Faustregel, keine Garantie. Was ich aus Erfahrung sagen kann: Eine kurze E-Mail oder ein Anruf vorab wundert hier niemanden – im Gegenteil, man wird für die Planung eher belohnt.
Wer eine Weinprobe im größeren Rahmen plant, sollte bedenken, dass die Plätze begrenzt sind. Die Räume sind nicht riesig, und das ist beabsichtigt. Eine Gruppe von mehr als zehn Personen sollte unbedingt vorher reservieren. Sonst steht man am Ende im Hof und schaut den anderen durchs Fenster zu.
Die Auszeichnungen: Ein Thema mit Luft nach oben
Hier muss ich etwas deutlicher werden. Auf der Website und in den sozialen Medien wird zwar "Auszeichnungen" erwähnt, aber konkrete Details sucht man vergeblich. Kein Name, keine Jahreszahl, keine Medaille. Das ist schade, denn bei der Qualität der Weine – die ich durchaus schätze – würde es nicht an Ehrungen mangeln. Transparenz wäre hier ein echter Gewinn.
Ich will das nicht überbewerten. Viele kleine Weingüter haben keine Zeit, ihre Trophäen zu pflegen, und konzentrieren sich lieber auf die Arbeit im Weinberg. Aber für den Kunden ist es ein Informationsdefizit. Wenn Sie also konkret wissen wollen, welcher Jahrgang wo ausgezeichnet wurde, empfehle ich ein direktes Gespräch. Die Antworten fallen dort meist viel persönlicher aus als auf einer Website.
Ein kritischer Blick: Was das Weingut Kress besser machen könnte
Es wäre unehrlich, nur Loblieder zu singen. Das Weingut Kress ist ein guter Betrieb, aber keiner ohne Schwächen. Die größte Baustelle ist die Online-Präsenz. Die Website ist funktional, aber nicht mehr zeitgemäß. Preislisten sind veraltet, Veranstaltungskalender lückenhaft, und die Fotos – na ja, sie sind okay.
Dazu kommt ein Thema, das mich persönlich stört: Die Reservierungspraxis. Einige Erlebnisse, wie die Weinproben mit Begleitung, sind nur nach Absprache möglich. Das schafft Exklusivität, aber auch Hürden. Der positive Nebeneffekt: Man wird nie mit Massenabfertigung konfrontiert. Wer bei einem Discounter-Weinstand schon mal eine Weinprobe im Stehen erlebt hat, weiß, wovon ich rede.
Und dann ist da die Sache mit dem Restaurant
Die Suche nach einem Restaurant im Weingut Kress führt oft ins Leere. Und das liegt daran, dass es keines gibt – zumindest keins im klassischen Sinne. Der Betrieb setzt auf die Besenwirtschaft und Catering für Veranstaltungen. Das ist eine bewusste Entscheidung, die ich respektiere. Aber wer mit dem Gedanken an ein Drei-Gänge-Menü mit Weinbegleitung anreist, wird enttäuscht sein. Hier ist ein Snack oder eine Brotzeit das Höchste der Gefühle.
Für mich ist das kein Manko, sondern eine klare Positionierung. Es gibt am Bodensee genug Restaurants mit Sterneambition. Das Weingut Kress will das nicht sein – und genau das macht es glaubwürdig.
Was andere Weingüter der Region besser machen
Weil wir schon beim Vergleich sind: Wie positioniert sich Kress im Konzert der Bodensee-Weingüter? Es gibt dort einige bekannte Namen, und nicht alle sind besser. Aber einige sind in bestimmten Bereichen klar vorn.
Ein Beispiel: Die Dokumentation der Lagen. Während manche Betriebe ihre Einzellagen mit Namen wie "Burghalde" oder "Haltnau" versehen und auf der Karte zeigen, bleibt Kress hier vage. Das mag an der überschaubaren Größe liegen, aber es ist ein Unterschied, der dem anspruchsvollen Kunden auffällt.
Ein anderes Thema ist die Nachhaltigkeit. Viele Betriebe in der Region setzen inzwischen auf biodynamische Ansätze oder zumindest auf sichtbare Naturschutzmaßnahmen. Beim Weingut Kress sucht man auf der Website vergeblich nach einem entsprechenden Statement. Ob das bedeutet, dass nichts getan wird? Nicht unbedingt. Aber Kommunikation ist eben auch Teil des Weinbaus.
Lohnt sich der Besuch? Ein klares Ja – mit Einschränkungen
Sie werden gemerkt haben: Dieser Artikel ist kein reiner Lobgesang. Und genau deshalb ist er ehrlich. Wenn Sie das Weingut Kress besuchen möchten, sollten Sie das tun – aber mit den richtigen Erwartungen. Sie bekommen keinen Erlebnispark mit Multimedia-Show und Edel-Schnickschnack. Sie bekommen einen Familienbetrieb, der Wein macht, und Leute, die ihr Handwerk verstehen.
Der ideale Zeitpunkt für einen Besuch ist der Spätsommer bis Herbst, wenn die Lese ansteht und die Besenwirtschaft öffnet. Dann ist das Gelände lebendig, und man bekommt ein Gefühl für den Rhythmus des Jahres. Der absolute Geheimtipp ist ein Besuch unter der Woche, wenn die meisten Touristen noch in den Städten unterwegs sind.
Und wenn Sie nach Hause fahren? Nehmen Sie mehr mit als eine Kiste Wein. Fragen Sie nach den Geschichten zu den einzelnen Lagen. Das ist der Moment, in dem das Weingut Kress seine Stärke ausspielt – nicht in der Preisliste, sondern im Gespräch. Der Rest ist Wein, und der ist hier sehr gut.